Integration und Erziehung

„Langsam gehorchen ist nicht gehorchen.“

Obwohl ein Sohn noch einen höheren Stellenwert bei mir Zuhause genießt, sind die Frauen dankbar, wenn sie eine Tochter als Erstgeborene haben, denn anders als die Jungen fangen die Mädchen relativ früh an im Haushalt mit zu helfen und entlasten somit ihre Mütter. Diese Sicht der Sache konnte ich überhaupt nicht bestätigen, denn mein Sohn fing früh genug an freiwillig im Haushalt zu helfen und alle im Haushalt ihm zugewiesene Aufgaben erledigte er selbstverständlich. Bis er eingeschult wurde. So bat ich ihn einmal nach einem gemeinsamen Abendmahl mir beim Abräumen zur Hand zu gehen. Die Antwort war, dass er gerade keine Lust darauf hätte. Überrascht, schaute ich ihn sprachlos an, bevor ich entgegnete, dass ich nicht danach gefragt hätte, ob er gerade Lust darauf hätte oder nicht, sondern stattdessen ihn darum gebeten hatte. So gesehen müsste er alles stehen und liegen lassen und meiner Bitte sofort nachzukommen. Daraufhin sagte er laut, dass ich ihn nicht dazu zwingen könne, wenn er keine Lust hat, dann hat er keine Lust und dann muss er auch nicht. Diese Einstellung hatte ich der Leiterin des gerade an der Schule stattfindenden Selbstbehauptungskurses zu verdanken. Wie angepflanzt blieb ich zunächst mitten im Raum stehen, während ich mich innerlich fragte wie ich nun reagieren sollte. Ich fand die Belohnungs- und Argumentativorientierte Erziehung, wie sie hier in Deutschland praktiziert wird bemerkenswert, mir fehlte aber jedoch die Erfahrung schlichtweg. Während ich den Tisch abräumte, warf ich ein, dass er ins Bett gehen könne, die Diskussion aber noch lange nicht zu Ende sei. Verzweifelt fragte ich mich, ob Autorität und eine argumentative Erziehung Gegensätze sind, wie ich die nervenaufreibende Diskussionen verkürzen kann und woraus ich die triftigen Argumente mit der nötigen Überzeugungskraft schöpfe, die ich tagtäglich für eine argumentative Erziehung brauche?

Mir lief es kalt den Rücken runter, wenn ich daran dachte, dass ich auch nicht nur im Traum gewagt hätte, einen Befehl oder eine Bitte von meinen Eltern mit einem Gegenargument abzuspeisen. Ich musste sogar in der Lage sein bereits zu ahnen, was sie von mir wollten bevor sie den Befehlssatz zu Ende gesprochen hatten und mich sofort auf dem Weg machen. Nach der Devise „langsam gehorchen ist nicht gehorchen.“ Wenn ich zum Beispiel zum Markt geschickt wurde, spukte meine Mutter auf dem Boden, ich sollte zurück sein bevor die Spucke ausgetrocknet war, schaffte ich das nicht, gab es Haue.

Was war denn hier los?
Während ich noch auf der Suche nach Antworten war, bekam ich auch noch eine Einladung von der Schule. Der Junge schwätzt, ist anstrengend, sitzt nicht ruhig, ist zu aufgeweckt. Die Lehrerin diagnostizierte ihm zwei Wochen nach der Einschulung ADHS. Was bitteschön ist ADHS? Sie war vermutlich aufgrund meines Migrationshintergrundes davon ausgegangen, dass ich keine Vorstellung davon hatte, also hatte sie im Vorfeld eine Broschüre für mich besorgt. Sie bat mich sie zuhause sorgfältig zu lesen damit wir gemeinsam bei dem nächsten Termin über die  nächsten Schritte nachdenken konnten.

Nach sorgfältiger Lektüre der Broschüre, zog ich Google zu Rat. Es gab unzählige Treffer unter dem Suchbegriff ADHS. Nachdem ich mich schlau gemacht hatte, stellte ich schließlich fest, dass zu wenige Merkmale auf meinen Sohn zu trafen, als das insgesamt von ADHS gesprochen werden konnte. Dies teilte ich auch der Lehrerin unmissverständlich mit. Ich sprach jeden Tag mit meinem Kind, aber es verging kaum ein Tag ohne Mitteilung der Lehrerin. Ich war bis dahin davon ausgegangen, dass ich ein normales Kind hatte, nun fing ich an die Effizienz der argumentativen Erziehung zu hinterfragen. Damit war ich anscheinend drauf und dran zu versagen. Ich zog noch einmal Google zu Rat. Diesmal suchte ich nach den Eigenschaften eines normalen Kindes. Es kam fast kein Treffer. Woran sollte ich messen ob mein Sohn normal war? Zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, setzte ich meinen Sohn bei seinem Schulkameraden ab. Da sich viele Eltern der Klasse meines Sohnes im Hof aufhielten, ergriff ich die Gelegenheit und mischte beim „Smalltalk“ mit. Schließlich fragte ich, wie es bei ihren Kindern denn so liefe. Hier erfuhr ich, dass die meisten Jungen der Klasse, genauso wie mein Sohn jeden Tag Mitteilungen von der Lehrerin mit nach Hause brachten. Obwohl ich erleichtert war, dass mein Sohn keinen Sonderfall darstellte, beschäftigte mich das Problem weiter. Schließlich dachte ich mir, dass es wohl in der Natur der Kinder liegen musste, allen voran der Jungen, mehr Bewegungsdrang zu haben. Denn bei aller Strenge in der Schule, schwätzen wir bei uns Zuhause und blödelten wissend, dass wenn wir erwischt wurden eine harte Strafe die Konsequenz sein würde. Ich darf mir gar nicht vorstellen, was in der Klasse los gewesen wäre, hätte es solche Strafen nicht gegeben. Während es bei mir Zuhause mit der Rute und durch harte Strafen beabsichtigt wurde uns diese Dämonen (Bewegungs- und Mitteilungsdrang) – denn so nannte man sie – auszutreiben, wird dies hier von Medikamente übernommen.

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