Integration und Erziehung

Posted in off topic on Januar 29th, 2013 by valerie

„Langsam gehorchen ist nicht gehorchen.“

Obwohl ein Sohn noch einen höheren Stellenwert bei mir Zuhause genießt, sind die Frauen dankbar, wenn sie eine Tochter als Erstgeborene haben, denn anders als die Jungen fangen die Mädchen relativ früh an im Haushalt mit zu helfen und entlasten somit ihre Mütter. Diese Sicht der Sache konnte ich überhaupt nicht bestätigen, denn mein Sohn fing früh genug an freiwillig im Haushalt zu helfen und alle im Haushalt ihm zugewiesene Aufgaben erledigte er selbstverständlich. Bis er eingeschult wurde. So bat ich ihn einmal nach einem gemeinsamen Abendmahl mir beim Abräumen zur Hand zu gehen. Die Antwort war, dass er gerade keine Lust darauf hätte. Überrascht, schaute ich ihn sprachlos an, bevor ich entgegnete, dass ich nicht danach gefragt hätte, ob er gerade Lust darauf hätte oder nicht, sondern stattdessen ihn darum gebeten hatte. So gesehen müsste er alles stehen und liegen lassen und meiner Bitte sofort nachzukommen. Daraufhin sagte er laut, dass ich ihn nicht dazu zwingen könne, wenn er keine Lust hat, dann hat er keine Lust und dann muss er auch nicht. Diese Einstellung hatte ich der Leiterin des gerade an der Schule stattfindenden Selbstbehauptungskurses zu verdanken. Wie angepflanzt blieb ich zunächst mitten im Raum stehen, während ich mich innerlich fragte wie ich nun reagieren sollte. Ich fand die Belohnungs- und Argumentativorientierte Erziehung, wie sie hier in Deutschland praktiziert wird bemerkenswert, mir fehlte aber jedoch die Erfahrung schlichtweg. Während ich den Tisch abräumte, warf ich ein, dass er ins Bett gehen könne, die Diskussion aber noch lange nicht zu Ende sei. Verzweifelt fragte ich mich, ob Autorität und eine argumentative Erziehung Gegensätze sind, wie ich die nervenaufreibende Diskussionen verkürzen kann und woraus ich die triftigen Argumente mit der nötigen Überzeugungskraft schöpfe, die ich tagtäglich für eine argumentative Erziehung brauche?

Mir lief es kalt den Rücken runter, wenn ich daran dachte, dass ich auch nicht nur im Traum gewagt hätte, einen Befehl oder eine Bitte von meinen Eltern mit einem Gegenargument abzuspeisen. Ich musste sogar in der Lage sein bereits zu ahnen, was sie von mir wollten bevor sie den Befehlssatz zu Ende gesprochen hatten und mich sofort auf dem Weg machen. Nach der Devise „langsam gehorchen ist nicht gehorchen.“ Wenn ich zum Beispiel zum Markt geschickt wurde, spukte meine Mutter auf dem Boden, ich sollte zurück sein bevor die Spucke ausgetrocknet war, schaffte ich das nicht, gab es Haue.

Was war denn hier los?
Während ich noch auf der Suche nach Antworten war, bekam ich auch noch eine Einladung von der Schule. Der Junge schwätzt, ist anstrengend, sitzt nicht ruhig, ist zu aufgeweckt. Die Lehrerin diagnostizierte ihm zwei Wochen nach der Einschulung ADHS. Was bitteschön ist ADHS? Sie war vermutlich aufgrund meines Migrationshintergrundes davon ausgegangen, dass ich keine Vorstellung davon hatte, also hatte sie im Vorfeld eine Broschüre für mich besorgt. Sie bat mich sie zuhause sorgfältig zu lesen damit wir gemeinsam bei dem nächsten Termin über die  nächsten Schritte nachdenken konnten.

Nach sorgfältiger Lektüre der Broschüre, zog ich Google zu Rat. Es gab unzählige Treffer unter dem Suchbegriff ADHS. Nachdem ich mich schlau gemacht hatte, stellte ich schließlich fest, dass zu wenige Merkmale auf meinen Sohn zu trafen, als das insgesamt von ADHS gesprochen werden konnte. Dies teilte ich auch der Lehrerin unmissverständlich mit. Ich sprach jeden Tag mit meinem Kind, aber es verging kaum ein Tag ohne Mitteilung der Lehrerin. Ich war bis dahin davon ausgegangen, dass ich ein normales Kind hatte, nun fing ich an die Effizienz der argumentativen Erziehung zu hinterfragen. Damit war ich anscheinend drauf und dran zu versagen. Ich zog noch einmal Google zu Rat. Diesmal suchte ich nach den Eigenschaften eines normalen Kindes. Es kam fast kein Treffer. Woran sollte ich messen ob mein Sohn normal war? Zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, setzte ich meinen Sohn bei seinem Schulkameraden ab. Da sich viele Eltern der Klasse meines Sohnes im Hof aufhielten, ergriff ich die Gelegenheit und mischte beim „Smalltalk“ mit. Schließlich fragte ich, wie es bei ihren Kindern denn so liefe. Hier erfuhr ich, dass die meisten Jungen der Klasse, genauso wie mein Sohn jeden Tag Mitteilungen von der Lehrerin mit nach Hause brachten. Obwohl ich erleichtert war, dass mein Sohn keinen Sonderfall darstellte, beschäftigte mich das Problem weiter. Schließlich dachte ich mir, dass es wohl in der Natur der Kinder liegen musste, allen voran der Jungen, mehr Bewegungsdrang zu haben. Denn bei aller Strenge in der Schule, schwätzen wir bei uns Zuhause und blödelten wissend, dass wenn wir erwischt wurden eine harte Strafe die Konsequenz sein würde. Ich darf mir gar nicht vorstellen, was in der Klasse los gewesen wäre, hätte es solche Strafen nicht gegeben. Während es bei mir Zuhause mit der Rute und durch harte Strafen beabsichtigt wurde uns diese Dämonen (Bewegungs- und Mitteilungsdrang) – denn so nannte man sie – auszutreiben, wird dies hier von Medikamente übernommen.

Tags: , , , ,

Integration und Erziehung

Posted in Intergrationspolitik, migration, worth reading on Januar 25th, 2013 by valerie

Mein Spagat zwischen Mittelalter und dem 21. Jahrhundert

Wenn Erziehung kontextabhängig ist und unter Erziehen die Weitergabe dessen verstanden wird,  was man selber mit auf seinen Weg bekommen hat, dann stellen sich für mich als Migrantin mitten im deutschen Kulturkreis folgende Fragen:

  • Wie schaffe ich es mein Kind in einem Kulturkontext zu erziehen in welchem ich selber nicht aufgewachsen bin und deren Konturen ich deshalb selbst noch nicht ganz durchblicke?
  • Wie schaffe ich es vor diesem Hintergrund mein Kind dazu zu bringen, den an es von der deutschen Gesellschaft gesetzten Erwartungen gerecht zu werden, wenn die Erziehungsnormen und die Erziehungsmethoden mir fremd sind?
  • Also wie kann ich meinem Kind durch Erziehung beibringen, wie es sich in der deutschen Gemeinschaft, in der es aufwächst, zu Recht findet, wenn ich selber noch nicht einmal weiß, wie ich mich in der deutschen Gemeinschaft zu Recht finde?
  • Wo führt es hin wenn ein Ignorant versucht einen anderen Ignorant aufzuklären? Ein Sprichwort sagt folgendes: „Führt ein Blinder einen anderen Blinder, landen sie in einem Graben.“ Bin ich deshalb verurteilt bei der Erziehung zu versagen?

Wenn man als Erwachsene das Elternhaus verlässt, ist man zwar noch lange kein fertiges Produkt, denn das Leben und die Gesellschaft uns weiter bis zum Ableben erziehen. Dennoch hat man ein Grundfundament bekommen, aus dem man später bei der Erziehung seiner eigenen Kinder schöpft. Das Grundfundament, das ich mit auf meinen Weg bekommen habe, beinhaltete hauptsächlich die Werte wie beispielsweise Disziplin, Ordnung, Toleranz, Respekt vor den Älteren, Bescheidenheit, Selbstlosigkeit, Nächstenliebe, Hilfebereitschaft und Selbständigkeit. Ich hatte jedoch nicht nur diese Werte verinnerlicht, sondern auch die Erziehungsmethoden, die zu dieser Verinnerlichung führten. Diesen sahen vor, dass alle Mittel gut waren, die dazu halfen aus Kinder würdige Mitglieder der Gemeinschaft zu machen. Dass mir die genannten Werte heilig sind, steht außerhalb der Diskussion. Die Frage ist eher wie ich meinen Kindern diese Werte in einer Gesellschaft beibringe,  für die bei der Erziehung nicht alle Mittel recht sind.

Ich wusste, dass Erziehung nur durch Härte und große Distanz zu den Kindern  möglich ist, bis ich nach Deutschland kam. Ich war überzeugt davon, dass Erziehung jede Art von Strafe, Demütigungen und Folter zuließ.

Diese Erziehungsmethoden wurden nicht nur privat im elterlichen Haus ausgeführt, sondern auch in der Schule. Dort waren sie noch erbarmungsloser. Wurde man beim Schwätzen erwischt, benutzte man Schimpfwörter, vergaß man seine Hausaufgaben, erzielte man eine schlechte Note, prügelte man sich, musste man erbarmunglose Strafen über sich ergehen lassen. Je nachdem wie der Lehrer gelaunt war, musste man mal eine Strecke von etwa fünf hundert Meter im Schulhof in Knien absolvieren, auf der zuvor extra kleine Kieselsteine zerstreut wurden, mal musste man stundenlang mit ausgebreiteten Armen knien auf denen jeweils ein Stein von ungefähr fünf hundert Gramm gelegt wurde. Als wäre dies noch nicht Strafe genug, musste man obendrauf darauf achten, dass die Armen gerade blieben. Sank ein Arm, rief die Peitsche wieder zur Ordnung. Es spielte keine Rolle, ob die Tränen den Wangen herunter kullerten, ob der Rotz aus der Nase in den Mund hinein lief, ob der Urin langsam durch die Beine floss und der nicht mehr zu unterdrückende Stuhlgang eintrat. Es gab keine Gnade. Solange die für die Strafe festgelegte Stundenanzahl noch nicht verbüßt war, konnte man Tod umfallen und es hätte den Lehrer nicht gejuckt. Mal war einfach nur die körperliche Züchtigung dran.

Giorgio Conrad Strafe

Alles war normal, alles Gang und Gäbe. Alles ein Liebesbeweis. Denn wer liebt der bestraft und züchtigt. Und je härter die Strafe desto tiefer und großer die Liebe. Um diese Erziehungsmethoden zu rechtfertigen, nahm man uns sogar Gott als Vorbild, der seinen Sohn Jesus so sehr geliebt hatte, dass er ihn kreuzigen ließ, obwohl er die Macht dazu gehabt hätte dies zu verhindern.  Ich wusste insofern, dass ich meine Kinder lieben werde, also werde ich sie hart bestrafen müssen. So jedenfalls ist es Brauch bei mir Zuhause. Es gab keine Beschwerden, es wurde nie widersprochen, es wurde nicht diskutiert. Es wurde lediglich gehorcht. Bei mir Zuhause hatten Kinder keinerlei Rechte. Dafür verkörperten die Erwachsene das Recht und das Gesetz gleichzeitig und hatten damit bei der Erziehung einen großen Spielraum. Sie wussten immer, was für ihre Kinder gut war, sie wussten immer wie es ihren Kindern ging, obwohl sie sich nie danach erkündigten.

Nicht Kuscheln, Schmusen und Geschenke, sondern Prügel, Peitsche, Folter und harte Strafen galten als Liebesbeweis schlechthin.

Dann strandete ich in Deutschland, wo ganz andere Gesetze herrschen. Im Unterschied zu meinem Zuhause verkörpern hier nicht die Eltern das Recht und das Gesetz, was die Erziehung angeht, sondern die Kinder.  Ehe ich mich versah war ich selbst bereits Mutter. Mutter zwei kleiner Kinder. Sie darf ich nun auf das Leben gemäß der deutschen Gemeinschaft vorbereiten. Aber immer wieder  finde ich mich in Situationen verstrickt, in denen ich das Gefühl habe, die Rollen hätten sich vertauscht. Wer erzieht hier eigentlich wen?

Tags: , , , ,

Heimat und Staatsbürgerschaft

Posted in german post, Integration, Intergrationspolitik, migration, politics on Januar 23rd, 2013 by valerie

Bedingen diesen Beiden Begriffe einander?

Am 03. März 2013 findet die Wahl des berufsmäßigen Ersten Bürgermeisters bzw. der berufsmäßigen ersten Bürgermeisterin der Stadt Unterschleißheim statt.

Im Rahmen ihrer Wahlkampagne, lud Spitzenkandidatin der Christlich-Soziale Union (CSU), Brigitte Weinzierl, die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Ilse Eigner ein, dem Jahresempfang der CSU der Stadt Unterschleißheim beizuwohnen.

Noch bevor die mittlerweile auch als mögliche Nachfolgerin des gegenwärtigen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer gehandelte Bundesministerin das Wort übergeben wurde, bekam die aus Burghausen stammende Brigitte Weinzierl das Mikrofon.

Die Bürgermeisterin „in spe“ hielt eine kurze aber für mich viel bedeutende und inspirierende Grundsatzrede.

Dem Wahlprogramm schickte sie eine Stellungnahme über ihre persönliche Bedeutung des Begriffs Heimat voraus, der mit dem Slogan „Heimatabend“ unter dem Motto des diesjährigen Jahresempfangs  stand.

Sie sprach von ihrer Kindheit in Burghausen und darüber was davon übrig geblieben ist nachdem sie vor 33 Jahren nach Unterschleißheim zog und warum Unterschleißheim nunmehr ihre Heimat ist. Sie stellte Heimat unter für mich ganz neuem Aspekt dar.

Bisher hatte Heimat für mich nur im Zusammenhang mit der Staatsbürgerschaft eine Bedeutung. Heimat war für mich mit der Herkunft unzertrennlich.

Wenn ich mir aber die Brille der Frau Weinzierl aufsetzte, bekommt der Begriff Heimat plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Um mit den Wörter von Frau Weinzierl zu sprechen ist Heimat  nichts anderes als der Ort an dem man sich Zuhause fühlt, wo man aufgenommen wird, wo Mann Bindungen und Beziehungen aufbaut, pflegt und aufrecht erhält, ein Ort der uns am Herzen liegt und für den man sich deshalb bedingungslos engagieren möchte.

Wenn hohe Kriminalität vorhanden, damit mehr Sicherheit herrscht

wenn  unterentwickelt, damit Entwicklung vorangetrieben wird

wenn eine Gefahr droht, dazu beitragen dagegen anzukämpfen

wenn er aber entwickelt ist, für Nachhaltigkeit zu sorgen

wenn Sicherheit herrscht, dass diese Sicherheit nachhaltig bleibt

Diese Auslegung ließ mich meine bisherige Wahrnehmung des Begriffs Heimat in Frage stellen.

Bis jetzt habe ich Heimat im Bezug auf die Staatsbürgerschaft definiert. So abgekoppelt betrachtet, stimme ich mit der Frau Weinzierl überein, dass Heimat, da ist wo man Beziehungen aufgebaut hat und lebt, wo man Leute kennt, die einem über den Weg laufen, wo man sich aufgenommen fühlt, wo man gerne ist und wo man sich gerne engagiert.

Sogesehen hat Heimat also  weniger mit der Staatsbürgerschaft als viel mehr mit der  Integration zu tun.

Tags: , , , , , , , , , , , ,