Regenbogenkotze- Eine Erzählung aus Afrika

Posted in off topic, Wirtschaftspolitik on Oktober 15th, 2013 by valerie

Mutterspracheanalphabetismus

Immer dann wenn ich nach meiner Muttersprache gefragt wurde, nannte ich spontan Französisch. Irgendwann hinterfragte ich diese Aussage und suchte infolgedessen nach der eigentlichen Bedeutung des Wortes: Muttersprache. So entnahm ich dem Wörterbuch Duden, dass es sich bei der Muttersprache, um eine Sprache handelt, die ein Mensch als Kind erlernt hat. So gesehen habe ich vier Muttersprachen.

Mein Vater war Polygam. Er hatte insgesamt drei Ehefrauen, die von unterschiedlichen Stämme waren und sprachen dementsprechend auch unterschiedlichen Sprachen, so dass, wir, meine Geschwister und ich nicht nur Ewondo, die Sprache unseres Vaters, sondern auch die Sprachen unserer Mütter Bulu und Maka sprachen. Da es sich bei den Amtssprachen um Französisch und Englisch handelt, also die Sprachen der ehemaligen Kolonialherren, bestand mein Vater darauf, dass wir vor der Einschulung ausschließlich die einheimischen Sprachen sprachen. So dass man erst mit der Einschulung, spricht im Alter von sechs Jahre mit Französisch oder Englisch (je nachdem welche Schulform man wählte) in Berührung kam.  Da es keine schriftliche Form weder von Maka und Bulu noch von Ewondo gab, beherrschten wir diese Sprachen ausschließlich verbal. Mit Französisch erfuhren wir den schriftlichen Aspekt einer Sprache. Wir konnten endlich lesen und schreiben.  Dies führte zwangsläufig zur Verdrängung von den einheimischen Sprachen, die ohnehin im Gegensatz zu Französisch und Englisch weder im internationalen noch in nationalen Kontext offiziell als Sprachen eingestuft sind.  Aufgrund dieses fehlenden schriftlichen somit physischen Aspekts der Sprachen unseres Kulturkreises gleichermaßen wie der  fehlenden offizielle Anerkennung als solche, geht vieles von unserer Kultur verloren. Dies liegt, darin begründet, dass die Ältere Generation entweder keine Chance hatte die Sprache der Kolonialherren zu erlernen oder sich weigerten dies zu tun. Die Geschichte wird von dieser älteren Generation somit ausschließlich von Mund zu Mund weitergeben. Dadurch gehen kostbare Informationen verloren, was bei einer schriftlichen Übertragung nicht der Fall wäre. Doch was ist ein Volk ohne seine Geschichte, ohne seine Kultur?  Es ist vergleichbar mit einem unter der Amnesie leidenden Mensch, der seine Vergangenheit nicht schafft zu rekonstruieren, weil ihm Bruchteile davon abhanden gekommen sind und er sich infolgedessen nicht nur Fremd seines eigenen Selbst empfindet, sondern auch seines Umfelds. Ein Mensch ohne Identität eben.

Mit REGENBOGENKOTZE habe ich den Anfang gewagt, die Erinnerungen an die mir  auf Ewondo und Maka sowie Bulu über unsere Vergangenheit erzählten Geschichten festzuhalten. Nun bin ich Mutterspracheanalphabet, was Maka, Bulu und Ewondo angeht, aber es spielt keine Rolle in welcher Sprache ich sie festhalte, die Hauptsache ist, dass sie so nicht mehr verloren gehen werden und meine Kinder und Enkelkinder, die wiederum Maka, Bulu und Ewondo weder sprechen noch schreiben können, die Chance haben werden Afrika zu verstehen und vor allem zu verstehen woher sie kommen.

Ja es ist eine immense Bereicherung Fremdsprachen zusätzlich zu den Sprachen seines eigenen Kulturkreises zu beherrschen, aber wenn Fremdsprachen der Einheimischen Sprachen so vorgezogen werden, dass im eigenen Land ausschließlich Fremdsprachen als Amtsprachen zugelassen werden und keine einzige einheimische Sprache offiziell als Amtsprache gilt, dann ist das schlichtweg ein Armutszeugnis.

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