Afrika deine Gesundheitsinfrastruktur

Posted in africa, economic policy, Entwicklungspolitik, german post, Sub-Saharan Africa, worth reading on Oktober 28th, 2013 by valerie

Es ist ein Tag wie jeder andere im Leben meiner Nichte Alima. An diesem Tag im Mai 2004, steht sie wie gewohnt um sechs Uhr früh auf, frühstückt und macht sich auf dem Weg zur Schule. Alima ist 19 Jahre alt, besucht die „Terminale“ (die Abiturklasse im kamerunischen Schulsystem) und bereitet sich auf die bevorstehende Abiturprüfung vor.

Vor einem Jahr war ihre alleinerziehende Mutter, meine Cousine gestorben. Sie hatte nur noch ihren jüngeren Bruder mit dem sie zusammenlebte. Um 16 Uhr ist gewöhnlich Unterrichtsschluss. Sie nimmt einen Umweg zu Fuß zum Markt und kauft dort noch für das Abendessen ein. Gegen 18 Uhr  kommt sie endlich zuhause an. Sie legt ihre Schultasche auf der neben der Tür stehenden Bank, schreitet zur Kochnische vor, stellt dort die Einkaufstasche hin. Sie zieht danach ihre Schuhe aus und schiebt sie unter das Bett. Dann streckt sie die Hand zu der  als Wäscheschrank dienenden und an der Decke hängende Wäscheleine, nimmt ein Kleid, zieht ihre Schuluniform aus, hängt sie auf einen Kleiderbügel und danach am an der Wand befestigten Nagel auf. Im Hof gibt es einen Brunnen, dorthin begibt sie sich mit einem leeren zwanzig Liter Kanister. Sie zieht viermal an dem am Seil hängenden fünf Liter Eimer und füllt mithilfe eines Trichters den Kanister auf. Jetzt kann sie mit dem Kochen beginnen. Zum Kochen benutzt sie einen Petroleumkocher. Sie fängt mit den Kochbananen an. Nachdem diese gar sind, kocht sie Erdnusssoße mit geräucherten Makrelen. Bis sie mit dem Kochen fertig ist, ist  es etwa 19 Uhr. Der Bruder, der eine Ausbildung zum Mechaniker absolviert  und mit dem sie das Zimmer teilt kommt wie immer pünktlich zum Abendessen. Nach dem Abendmahl wäscht der Bruder das Geschirr, während Alima sich verabschiedet. Sie muss noch zu ihrer Lerngruppe dazu stoßen.

Kurz vor Mitternacht verabschiedet sie sich von der Lerngruppe und stellt sich an den Straßenrand um ein Mototaxi (Motorrad) anzuhalten. Dieses hat bereits mit vier Passagieren zwar die  maximale Kapazität erreicht. Aber in Kamerun achtet keiner darauf. Irgendwie passen hier viel mehr Leute auf ein Mototaxi  als dieses imstande ist auszuhalten. Alima steigt als fünfte Passagierin auf und sitzt ganz hinten. Mbalmayo ist eigentlich eine  sehr kleine Stadt. Eine Stadt in der man  unter normalen Bedingungen mit einem Fahrzeug weniger als eine Viertelstunde brauchen würde, um von einem Ende zum anderen zu gelangen. Aber der desolate Zustand der Straßen lässt solch eine Reise eine Ewigkeit dauern.  Überall Schlaglöcher, die aufgrund deren Tiefe eher an Gräben erinnern. Nur an wenigen Stellen erkennt man, dass die Straßen irgendwann einmal geteert gewesen sein müssten. Bemüht den Schlaglöchern  auszuweichen, geriet der Mototaximan (Fahrer des Mototaxis) auf die falsche Straßenseite und bemerkte zu spät den rasenden LKW, der ihnen plötzlich entgegen kam. Der LKW-Fahrer konnte dem Mototaxi nicht mehr ausweichen. Er rammte es mit voller Wucht.  Vier der fünf Passagiere des Mototaxis waren sofort tot. Meine Nichte überlebte dem Aufprall mit einem abgetrennten Bein. Noch unter Schock, griff sie sofort nach ihrem Handy und rief ihren Bruder an.  Dieser stürzte  sofort los und lief so schnell er konnte zu dem etwa fünf Hundert Metern von ihrer Wohnstraße entfernt liegenden Unfallort.

Es war herzzerreißend, sie lag da mit einem abgerissenen Bein in ihrer Blutlache. Nach einem Moment der Desorientierung, fasste er sich wieder zusammen, erkündigte sich, ob es jemand unter den Schaulustigen gab, der ein Auto besaß und bereit wäre ihm zu helfen seine Schwester ins Krankenhaus zu fahren. Es fand sich schnell jemand. Aber das einzige von den Chinesen in Mbalmayo erbaute Krankenhaus war nicht für „so einen Fall“ ausgerüstet und verweigerte die Aufnahme mit dem Hinweis, sie sollen es bitte mit ihr in der etwa hundert Kilometer von Mbalmayo entfernt liegenden Hauptstadt versuchen. Der Fahrer ein Familienvater war entschlossen zu helfen und willigte ein auch diesen Weg nach Jaunde auf sich zu nehmen. Bevor sie die Stadt verlassen konnten ging ihnen jedoch das Benzin aus. Es war bereits 2 Uhr früh. Die einzige Tankstelle im Quartier New-Town, der letzte Stadtteil von Mbalmayo auf dem Weg nach Jaunde  hatte bereits geschlossen und ohne Benzin konnte das Auto nicht mehr fahren. Der Autofahrer griff nach seinem Kanister im Kofferraum und rannte während er dabei versuchte ein Autotaxi anzuhalten. Er wollte zu einem Freund in die Stadt von dem er wusste, dass er mit Benzin zuhause schwarz handelte. Zurückgeblieben, fragte die mit Angst überrollte und frierende Alima ihren jüngeren Bruder immer wieder, ob sie nun sterben müsse, während das Blut unaufhörlich, wie ein kleiner Bach floss. Ihr Bruder der all seine Mut zusammen nehmen musste, um seinen Schmerz nicht explodieren zu lassen, antwortete mit tränenden Augen:  „Nein Schwesterherz du wirst nicht sterben, wir sind bald in Jaunde, da gibt es gute Ärzte, die sich um dich kümmern werden.“ Nach einer Weile, die allen Beteiligten als Ewigkeit vorkam, kehrte tatsächlich der Autofahrer mit dem vollen fünf Liter Kanister zurück. Zitternd füllte er es in den Tank und startete wieder los.  Zu dieser Zeit war die Straße bereits Menschenseelen-leer. Er konnte ohne Verkehrsbehinderung fahren insofern fuhr er so schnell er konnte. Während der Fahrt versuchte der Familienvater den beiden Mut zu zusprechen, er selbst konnte bei dem Anblick meiner Nichte die Tränen nicht unterdrücken.

Als sie gegen vier Uhr Morgens das Hopital Central von Jaunde endlich erreichten, war die Erleichterung groß die langersehnte Hilfe zu bekommen, aber Alima verabschiedete sich von dem Leben noch an der Rezeption während ihr Bruder verzweifelt versuchte die Ärzte davon zu überzeugen sie aufzunehmen, obwohl er das verlangte Geld für die Behandlung nicht hatte.

 

Vom Zeitpunkt des Unfalls lebte sie noch  etwa vier Stunden. Vier kostbare Stunden in denen sie gerettet hätte werden können, wenn eine adäquate Gesundheitsinfrastruktur vorhanden gewesen wäre. Sprich: – Technologisch gut ausgestattete Krankenhäuser und Gesundheitsämter –  Krankenwagen, – Qualifiziertes und effizientes ärztliches Personal – Ein funktionierendes Versicherungssystem. Vermutlich wäre es wiederum nicht zu diesem tragischen Unfall gekommen, wenn die Stadt mit einer sicheren Verkehrsinfrastruktur ausgestattet gewesen wäre. Wenn man bedenkt, dass Gesundheit die Voraussetzung für eine gut funktionierende Volkswirtschaft ist, dann stellt sich die Frage, warum die Entscheidungsträger der meisten afrikanischen Staaten es bisher versäumt haben kräftig in Gesundheit zu investieren, um eine effiziente Gesundheitsversorgung gewährleisten zu können. Es herrschen nach wie vor die prekären Gesundheitsbedingungen, wie zur kolonialen Zeit, was sich unweigerlich in die Lebenserwartung wiederspiegelt, die für Afrika südlich der Sahara mit einem Durchschnitt von 50 Jahre vergleichsweise sehr niedrig ausfällt. Nicht nur viele Kameruner, sondern auch viele Afrikaner sehen sich tagtäglich mit demselben Schicksal konfrontiert wie meine Nichte. Ein Ende ist nicht in Sicht. Jeden Tag müssen Menschen sterben, weil sie nicht rechtzeitig die nötige medizinische Versorgung erhalten oder weil zu dem Zeitpunkt an dem sie die medizinische Versorgung dringend benötigen, nicht über genügend Ersparnisse verfügen um diese auch zu finanzieren. Dies führt dazu, dass man heilbare Krankheiten mit sich herumschleppt bis man schließlich daran stirbt. Diese desolate Situation wäre viel schlimmer gäbe da nicht Leute wie Beispielsweise die Freiwilligen bei Rainbow Garden Villagedie sich in Afrika mit Herz und Blut engagieren und dazu beitragen, dass die Menschen, die sich selbst nicht helfen können in ihrem Elend nicht alleine gelassen werden.

Pflege eines Patienten

Pflege eines Patienten

 

Aber ein Staat kann nicht allein auf Fremdhilfe für seine Bürger bauen. Diese Hilfe ist komplementärer Natur und darf nicht die Entscheidungsträger dazu verleiten sich ihrer Pflicht zu entziehen. Wie soll es den Volkswirtschaften gut gehen, wenn die Menschen, die sie tragen sollen ein gesundheitliches Handicap haben? So wenig ein kranker Körper Leistung erbringen kann, sei es physisch oder psychisch, genauso wenig kann eine Volkswirtschaft ohne Gewährleistung der Gesundheitsversorgung insgesamt leistungsfähig sein. Ein effizientes Gesundheitssystem muss nicht mehr erfunden werden. Es muss lediglich kopiert werden. Daher ist es rätselhaft warum es so lange auf sich warten lässt? Liegt diese Untätigkeit in der Unfähigkeit (unqualifizierte Leute haben die Entscheidungsgewalt) oder  wird  dies schlichtweg dem Egoismus geschuldet? (Entscheidungsträger sind persönlich nicht von der prekären Gesundheitsversorgung betroffen, daher unternehmen sie nichts für ihre Verbesserung).

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